Eine Antwort auf Andrew Holland — aus 15 Jahren SEO-Praxis im DACH-Raum.
Vor ein paar Tagen ist auf LinkedIn ein Artikel von Andrew Holland erschienen, den ich mir ausgedruckt und mit Edding angestrichen habe. Selten habe ich auf Englisch so deutlich gelesen, was ich seit Monaten auf Deutsch herumdenke.
Seine These in einem Satz: KI-Suche macht Linkbuilding nicht überflüssig. Sie macht es zur wichtigsten Disziplin im SEO — nur eben in einer Form, die die Branche in den letzten zehn Jahren komplett verlernt hat.
Ich stimme ihm zu. Vollständig. Und ich möchte den Gedanken aus meiner Ecke des Marktes weiterdrehen — aus 15 Jahren SEO-Praxis in iGaming, Affiliate, Automotive und SaaS, und aus dem Bauch eines Beraters, der gerade parallel drei eigene Affiliate-Projekte und mehrere Kundenseiten betreut.
Was ich aus dem Cold-Start-Problem gelernt habe
Im Februar 2026 habe ich ein deutschsprachiges Affiliate-Projekt im Sportwetten-Bereich gelauncht. Neue Domain, neuer Name, keine Legacy oder Repurposed Domain.
Die ersten vier Wochen sahen ordentlich aus. Google-Honeymoon, anständige Impressionen, ein paar Klicks. Dann Anfang März: Absturz auf null. Nicht deindexiert, einfach unsichtbar.
Was war passiert? Genau das, was Holland mit Barabásis Netzwerktheorie beschreibt: Die Domain hatte keine Verbindungen. Keine Erwähnungen. Keine Zitate. Keine Creator, die über sie reden. Kein nennenswertes Brand-Search-Volumen. Kein Footprint in den Verzeichnissen, in den Foren, in den Communities, die für deutsche Sportwetten relevant sind.
Sie war im Netzwerk schlicht nicht vorhanden.
Google honoriert das ein paar Wochen lang mit einem Vertrauensvorschuss — die berühmte Sandbox-Pause für neue Domains — und zieht dann den Stecker, wenn keine echten Signale folgen.
Das ist der Moment, in dem mir Hollands Satz „Authority is an inference” persönlich ins Gesicht geknallt ist. Eine neue Marke ist im Netzwerk nichts. Erst wenn andere Knotenpunkte — Foren, Newsletter, Fachpresse, Creator, andere Webseiten — beginnen, sie zu zitieren, fängt das System an, ihr Bedeutung zuzusprechen. Vorher kannst du den schönsten Content der Branche produzieren. Es spielt keine Rolle.
Die deutsche Version des Problems ist härter
Hier wird es interessant für DACH.
Holland beschreibt aus britischer Perspektive, dass das Helpful Content Update das Ökosystem unabhängiger Publisher zerstört hat. Im deutschen Markt gilt das doppelt.
Die kleinen Nischenblogs, die früher selbstständig in ihrer Kategorie gerankt haben — der Hobby-Imker, der Camping-Enthusiast, der lokale Heimwerker-Blog, der ältere Reisefachmann mit zwei Jahrzehnten Erfahrung — existieren teilweise noch, aber ihre Reichweite ist eingebrochen. Damit fallen die natürlichen Linkpartner weg. Diese Seiten waren für SEO-Veteranen über Jahre die „easy wins”: guter Content, ehrlicher Pitch, organischer Link, kein Geld dazwischen.
Gleichzeitig hat der deutsche LinkedIn-Feed eine Eigendynamik entwickelt, die noch absurder ist als die englischsprachige Variante. Outbound-Links werden algorithmisch bestraft. Native Posts dominieren. Substanzlose Motivations-Carousels aus der Lemminge-Schule schlagen jeden Fachbeitrag mit drei Quellenangaben.
Das heißt: Der Weg, den klassische Content-Promo früher genommen hat — Artikel veröffentlichen, ein paar gute Links bekommen, organisch durch das Netz wandern — funktioniert im DACH-Raum heute schlechter als noch vor zwei Jahren.
Was übrig bleibt, ist genau das, wovon Holland spricht: gezielte Sichtbarkeitsarbeit. PR. Fachpresse. Branchenpodcasts. Newsletter mit echter Open-Rate. Foren. Reddit (ja, auch im deutschsprachigen Raum). Communities. Gastauftritte. Slow, painful, erforderlich.
Der Unterschied zwischen „Link gekauft” und „Sichtbarkeit erzeugt”
In meinen 15 Jahren in der Branche habe ich exakt die Industrialisierung mitgemacht, die Holland beschreibt. Anfangs war ein Link eine Empfehlung. Dann wurde er ein Produkt. Heute steht in den meisten deutschen Linkbuilding-Angeboten irgendwo zwischen den Zeilen: „DR40+, Trafficseite, themenrelevant, ab 350 Euro, 1.500 Wörter Gastbeitrag inklusive, Lieferzeit 14 Tage”.
Das System funktioniert seit Jahren so, dass man Reports schreiben kann, die „12 Backlinks aufgebaut” zeigen, ohne dass auch nur ein einziger dieser Links jemals im Browser eines echten Lesers angekommen ist.
Das ist nicht Linkbuilding. Das ist administrative Verwaltung von SEO-Theater.
Holland nennt es digitalen Müll. Ich würde es schlichter formulieren: Die Branche hat sich darauf geeinigt, einen Stellvertreter zu kaufen, weil der echte Wert zu teuer und zu langsam war. Das hat gut zwölf Jahre lang halbwegs funktioniert, weil Google nicht streng genug hingeschaut hat. Es funktioniert nicht mehr.
KI-Suche zwingt uns zurück zum echten Wert.
Die Modelle hinter ChatGPT, Perplexity, Gemini und den AI Overviews brauchen Evidenz. Sie ziehen aus Quellen, die für sie sichtbar und glaubwürdig sind. Eine PBN aus 2019 ist für sie nicht existent — nicht weil sie sie technisch nicht crawlen können, sondern weil sie keine Spuren in Trainingsdaten oder im lebendigen Web hinterlässt, die irgendwer benutzt oder verlinkt.
Eine Erwähnung in einem deutschsprachigen Fachpodcast hingegen, ein Beitrag in einem Newsletter mit echter Reichweite, ein Zitat in einem t3n-Artikel oder einer Horizont-Geschichte — das hinterlässt Spuren. Im Web. In Sprachmodellen. In Nutzergewohnheiten. In Brand-Searches.
Was Praktiker im DACH-Raum 2026 tun sollten
Ich teile Hollands Strukturierung, will aber für den deutschsprachigen Solopreneur, Affiliate oder kleinen B2B-Anbieter etwas konkreter werden.
Erstens: Fundament bauen. Bevor irgendwer über „AI Visibility” spricht, sollte die Marke real sein. Handelsregister-Eintrag, Google Business Profile, Branchenverzeichnisse (gelbeseiten, dasoertliche, wlw, branchenbuch.de für B2B), LinkedIn-Unternehmensseite, Xing falls die Zielgruppe es noch nutzt, Impressum konsistent über alle Touchpoints. Das ist langweilig. Das ist erforderlich. Das ist die Identitätsschicht, die Holland als foundational layer beschreibt — und die im deutschen Markt durch unsere ausgeprägte Verzeichnis-Kultur sogar etwas leichter zu erreichen ist als im UK.
Zweitens: Erste echte Knoten setzen. Drei bis fünf Quellen in der eigenen Branche, in denen man präsent ist. Das kann ein Gastbeitrag in einer Fachpublikation sein, ein Interview im Branchenblog, ein Vortrag bei der lokalen IHK, eine Stellungnahme in einer t3n- oder horizont.net-Geschichte, eine Studie, die jemand zitiert. Wenige, dafür ernst gemeinte Knoten — nicht 50 Branchenbuch-Einträge auf Vorrat.
Drittens — und hier weiche ich von Holland leicht ab: Im DACH-Raum sind Creator und Influencer noch nicht die dominanten Linkbuilder, die sie im englischsprachigen Raum geworden sind. Was wir stattdessen haben, sind Fachjournalisten und Brancheninsider mit Newslettern. Sebastian Hofer, Vivian Pein, Konrad Weber — je nach Branche. Sie schreiben weniger schnell, aber ihre Erwähnungen reisen weiter und altern besser. Dort präsent zu werden, ist 2026 mehr wert als zehn LinkedIn-Posts pro Woche.
Viertens: Eigene Daten produzieren. Eine Studie. Eine Zahl. Eine Analyse, die niemand sonst hat. Kein „Trend-Report 2026 mit den 7 wichtigsten Insights aus ChatGPT”, sondern echte Branchenzahlen aus eigener Praxis. Ich habe das vor ein paar Wochen für ein Affiliate-Projekt gemacht — eine schlichte Auswertung über Sichtbarkeitsmuster bestimmter Anbieter über sechs Monate. Das Ding wurde in zwei Fachkanälen erwähnt, ohne dass ich aktiv pitchen musste, weil es eine Zahl war, die niemand sonst hatte. Drei Tage Aufwand. Mehr Wirkung als sechs Monate „Content-Produktion”.
Fünftens: Geduld mit Mathematik. Barabásis preferential attachment ist nicht nur Theorie. Es ist die Erklärung dafür, warum die ersten drei Erwähnungen brutal hart sind und die zehnte fast von alleine kommt. Wer in Monat eins keine Sichtbarkeit erzeugt, weil „es sich nicht lohnt”, wird in Monat sechs auch keine haben. Wer bei drei Erwähnungen aufhört, hat seinen ROI noch nicht einmal erreicht — er hat ihn um den Punkt verpasst, an dem das Netzwerk anfängt, für ihn zu arbeiten.
Warum mich Hollands Artikel als Berater betrifft
Ich verkaufe meinen Kunden keine Linkpakete. Habe ich nie. Das war eine bewusste Entscheidung beim Aufbau von Seeberger Solutions — ich liefere Beratung, Strategie, technische Umsetzung. Linkbuilding empfehle ich, wenn es passt, an spezialisierte Partner.
Aber Hollands Artikel zwingt mich, mein eigenes Geschäftsmodell neu zu denken. Wenn die Disziplin Mention-Building und Visibility Engineering — wie er sie nennt — zur nächsten wertvollen SEO-Skill wird, dann ist die Frage für mich nicht, ob ich diese Arbeit selbst aufbaue. Die Frage ist, ob ich Strategie ohne diese Disziplin überhaupt noch sinnvoll verkaufen kann.
Die Antwort, fürchte ich, lautet nein.
Sichtbarkeit ist kein Add-On zur SEO-Strategie. Sie ist die Basis, auf der alles andere — Content, Conversion, Funnel, Pricing — überhaupt erst Wirkung entfaltet. Eine perfekte Landingpage ohne Sichtbarkeit ist eine teure Visitenkarte. Ein hervorragend optimierter Funnel ohne Brand-Recognition ist eine Maschine ohne Treibstoff. Eine technisch saubere Site ohne Netzwerkpräsenz ist ein Atomkraftwerk ohne Stromnetz.
Schluss: Es bleibt langsam — und genau das ist die Botschaft
Was mich an Hollands Artikel über alle Punkte hinweg überzeugt: Er verspricht keinen Hack. Keine Abkürzung. Kein neues Tool, das die Probleme der nächsten 24 Monate löst.
Stattdessen sagt er, was alle Praktiker insgeheim wissen: Sichtbarkeit kostet. Und genau deshalb hat sie Wert.
In einer Branche, die nach dem nächsten „AI Search Score” schreit wie ein Kleinkind nach Schokolade, ist das eine fast altmodische Botschaft. Aber wer 15 Jahre lang gesehen hat, wie das Pendel zwischen „Content regiert”, „Links regieren”, „User Experience regiert” und „Authority regiert” hin- und herschwingt, kennt das Muster: Es regiert nie eine Disziplin. Es regiert das, was tatsächlich Vertrauen erzeugt.
Und Vertrauen wird in Netzwerken gebildet — nicht in Spreadsheets.
Wer das verstanden hat, hat 2026 verstanden.
Andrew Hollands Originalartikel: „AI Just Made Link Building the Most Valuable Skill in SEO” — Pflichtlektüre für alle, die im KI-Zeitalter mehr wollen als ein neues Dashboard.
Linkbuilding in der KI-Suche — eine Antwort auf Andrew Holland